Pressemitteilung: Beibehaltung des Namens „Oberhessischen Museum“
Erklärung des Vorstands des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen


Gegenwärtig dauert der Reformprozess des Oberhessischen Museums an. Dass er dringend erforderlich ist, um das Museum zu modernisieren und auf einen zeitgemäßen und zukunftsfähigen Stand zu bringen, ist weithin Konsens. Der Geschichtsverein, Gründer des Museums im Jahr 1879 und dessen langjähriger Betreiber, hat diesen Prozess seit 2015 gefordert und angestoßen. Er hat sich, wie in den Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins (MOHG) dokumentiert, auch daran beteiligt. Im Rahmen des Reformprozesses wird, wie auch in der Presse zu lesen war, seit einiger Zeit diskutiert, ob der seit 145 Jahren eingeführte Name geändert und im Interesse einer Steigerung der Attraktivität „griffiger“ gefasst werden sollte. Die bisherige Diskussion hat, wie die Stadt erklärte, noch zu keinem Ergebnis geführt, ob es zu einer Änderung komme, sei offen. Man warte dazu noch auf einen Vorschlag einer Beratungsfirma.

Eine Änderung des Namens hält der Oberhessische Geschichtsverein, wie kürzlich in seiner Mitgliederversammlung beraten, für verfehlt und wirbt darum für seine Beibehaltung. Die nach einer Zeit des „Dornröschenschlafes“ dringend notwendig gewordene Steigerung der Attraktivität des Museums hängt nicht an der Wahl seines Namens. Vielmehr hängt sie an der Attraktivität durch gute inhaltliche Arbeit, die Neugier und Interesse durch die Vielfalt interessanter und ansprechender Angebote für unterschiedliche Zielgruppen weckt. Sie soll Besucherinnen und Besuchern das Museum als einen gesuchten und lebendigen Ort der Begegnung anbieten und schmackhaft machen. Diesen Weg hat das Museum und seine seit wenigen Jahre neu installierte Leitung mit ihrem Team in äußerst engagierter Weise eingeschlagen. Das zeigen eine Fülle von interessanten, gut angenommenen und nachgefragten Veranstaltungen und Ausstellungen, auch von neuen, kreativen Formaten. Sie haben erfreulicherweise dem Museum die weithin früher weggebliebene Bürgerschaft wieder zurückgebracht.

Bei der Beurteilung des Namens des Museums gilt es, auch folgendes zu bedenken. Die Gründung des Museums 1879 diente der archäologischen Arbeit des Vereins. Grabungsergebnisse aus der oberhessischen Region sollten dem breiten Publikum präsentiert und deren Bedeutung vermittelt werden – eine Aufgabe, die auch bis heute weiter besteht. Was zunächst im Alten Rathaus unter sehr beengten Verhältnissen gezeigt werden konnte, durfte Anfang des 20. Jahrhunderts ins Alte Schloss am Brandplatz umziehen. Zuvor hatte der Großherzog das Alte Schloss nämlich niederlegen lassen wollen. Auf den Protest des Oberhessischen Geschichtsvereins hin, es im Interesse der Denkmalpflege dringend zu erhalten, hatte er seinen Plan aufgegeben und das Schloss der Stadt Gießen überlassen – freilich mit der Auflage, darin einen oberhessischen und damit einen regionalen, stadtübergreifenden Zweck zu erfüllen. Der Geschichtsverein schlug der Stadt vor, das Oberhessische Museum dort unterzubringen – was geschah. Später war es Manfred Blechschmidt, Ehrenvorsitzender des Oberhessischen Geschichtsvereins, der als kommissarischer Leiter des Museums in der zweiten Hälfte der 70er Jahre dafür Sorge trug, dass nach dem Wiederaufbau des kriegszerstörten Museums das Museum dort wieder einziehen und dort seine regionale Aufgabe fortsetzen konnte.

Ist der Name abschreckend, weil old fashioned, oder nichtssagend? Wer kann mit dem Namen „Oberhessen“ schon etwas anfangen? So ist gelegentlich zu hören. Der Name Oberhessisches Museum steht in einer langen und durchaus prominenten Reihe der sich als National-, Landes- oder Provinzialmuseen bezeichnenden Einrichtungen. Als Beispiel seien nur das sehr erfolgreich arbeitende Kurpfälzische Museum in Heidelberg oder das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern genannt. Deren traditionsgeprägte Namen sind weder veraltet noch nichtssagend. Das zeigen gerade auch eine Fülle von Institutionen im heimischen Raum, die bis in die Gegenwart den Namen „Oberhessen“ tragen oder ihn gar in jüngerer Zeit gesucht haben: die Bahn ziert seit langem damit den Namen ihrer Bahnhöfe auf der Strecke Gießen - Fulda, wir finden die Sparkasse Oberhessen, die evangelische Diakonie Oberhessen bzw. die Propstei Oberhessen oder die Oberhessischen Versorgungsbetriebe, OVAG, außerdem Medieneinrichtungen wie die Oberhessische Presse, die Oberhessische Zeitung oder das Online-Magazin Oberhessen-live , schließlich eine Reihe von Vereinen wie den Oberhessischen Künstlerbund, die Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, den Oberhessischen Anwaltsverein, den Oberhessischen Golfclub - und, endlich, berühmt sich die Brauerei Lich ihres Bieres, das nach oberhessischer Rezeptur gebraut ist, oder nennt sich seit 1859 ein Unternehmen auch nach dem kürzlich erfolgten Eigentümerwechsel Oberhessisches Backhaus.

Die Anknüpfung des Namens an überwundene politisch administrative Gebilde lässt schließlich auch geschichtliche Gegebenheiten in den Blick rücken. Sie bieten einem Museum die Herausforderung und Chance, solche die Vergangenheit aufrufenden Sachverhalte zu erkunden und als einen Teil der regionalen Geschichte zu vermitteln statt sie zu verschenken.

Im Übrigen, etwas „Griffiges“ kann man auch bei Beibehaltung des Namens für die Zwecke der Öffentlichkeitsarbeit, der Werbung für das Museum entwickeln - etwa ein Logo, das mit Abkürzungen arbeiten kann, wie auch hier das gelungene Beispiel aus Kaiserslautern zeigt: es nennt sich schlicht „kpm“. Wie wäre es mit „ohm“?

Darum ruft unser Verein der Stadt und ihren Verantwortlichen zu: lasst dem Museum seinen Namen und in fünf Jahren mit ihm das Jubiläum zu seinem 150. Geburtstag feiern.

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